|
Oberflächlich betrachtet könnte man fragen: warum die
Geschichte eines Clone-Herstellers niederschreiben ?
Meiner Meinung nach ist Tandon ein Laufwerkshersteller und nicht
das, womit der Name Tandon Ende der 80iger bis Mitte der 90iger
Jahre in Verbindung gebracht wurde: ein Hersteller von IBM PC-Kopien
(wie z.B. Compaq oder DELL). Die Firma hat schon vor Erscheinen
des IBM PC im Jahre 1981 wichtige Erfindungen im Bereich der Laufwerkstechnik
gemacht und dementsprechende Patente angemeldet. Tandon hat großen
Anteil an den Entwicklungen in der Disketten- und Festplattenlaufwerkstechnik
Ende der 70iger Jahre. Deshalb befindet der Autor die Firma Tandon
und im Besonderen die Person Jugi Tandon für die IT-Geschichte
als absolut erwähneswert.
Dr. Sirjang (Jugi) Lal Tandon gründete
die Tandon Corporation 1975 in Chatsworth/Kalifornien, um Schreib-/Leseköpfe
für Diskettenlaufwerke zu produzieren. Das erste Produktionsgebäude
war eine Garage. Bald war Tandon der führende Hersteller von
kompletten Diskettenlaufwerken. Auch der IBM PC von 1981 enthielt
Laufwerke von Tandon. In den frühen 80iger Jahren war Tandon
einer der ersten Hersteller, der preislich attraktive Winchester-Platten
für Mikrocomputer anbieten konnte.
Besondere Diskettenlaufwerkstechnik bot Tandon
1982 für den Sirius 1 Computer, der Laufwerksmotor konnte seine
Drehzahl variieren, um dadurch den geringeren Umfang der inneren
Spuren einer Diskette auszugleichen. 1984 betrug der Umsatz von
Tandon rund 300 Millionen Dollar, wobei 85% mit Festplatten- und
Wechsellaufwerken erzielt wurde. Tandon beschäftigte zu dieser
Zeit rund 1000 Angestellte.
Von Tandons früheren Kunden Victor
Technologies kam 1985 der geniale Entwickler Chuck Peddle (Vater
des Commodore PET sowie des Sirius 1) zu Tandon. Daraufhin entschloß
man sich zur Erweiterung der Produktpalette um eigene Mikrocomputer.
Die ersten Modelle waren ein IBM kompatibler XT und ein AT Modell
mit der Bezeichnung PCA. Doch wie viele andere Computerhersteller
rutschte auch Tandon 1985 in die roten Zahlen. 1986 wurde wegen
überhöhter Lagerbestände zeitweise sogar die Produktion
ausgesetzt. Angestellte mußten zwangsbeurlaubt
werden, Jurgi Tandon kürzte sein eigenes Jahresgehalt von 275.000
Dollar auf 1 Dollar.
Aus Kostengründen verlagerte Tandon große
Teile der Produktion daraufhin nach Singapure, im Stammsitz in Kalifornien
mußten daraufhin 400 Angestellte entlassen werden. Gerade
die deutsche Tandon-Niederlassung war mit 20.000 verkauften PC's
ausgesprochen erfolgreich, konnte jedoch die Verluste der Konzernmutter
nicht ausgleichen.
1987 stellt Tandon seinen ersten PC mit dem neuen
Intel 80386 Prozessor vor. 1988 erreichte die Firma einen 10%igen
Marktanteile bei PC's ab 2500 DM. Die Fabrik für Laufwerksherstellung
wurde an Western Digital verkauft, nicht jedoch die patentierten
wechselbaren DataPac-Festplatten (übrigens auch eine Entwicklung
Chuck Peddle). Trotzdem war Tandon nun sein eigener Kunde, den die
Laufwerke für die eigenen PC's wurden jetzt bei Western Digital
bezogen. 1989 brachte wieder wesentlich bessere Geschäftszahlen,
zurückzuführen auf starke Umsätze in Europa. 1991
wollte Tandon auch in den Workstation-Bereich vordringen und nahm
den Vertrieb von Produkten des Herstellers Solbourne auf. Die Solbourne
Workstations basierten auf der SPARC-Technologie der Marktführerers
Sun. Auch ein Laptop auf Basis eines Intel 80386SX wurde vorgestellt.
Doch in diesem Jahr rutschte Tandon wieder tief in die roten Zahlen,
ausgelöst durch Umsatzeinbrüche vor allem in den USA.
Mit dem extremen Preiskampf im amerikanischen Low-Cost-Segment konnte
Tandon nicht mehr mithalten und wollte sich daraufhin ganz auf den
profitableren europäischen Markt konzentrieren.
Doch auch in Europa begannen sich andere Firmen
durchzusetzen, wie Compaq und DELL. So mußte Tandon 1993 Konkurs
anmelden. 1994 gründete Jurgi Tandon
zusammen mit Tom Mitchell die Firma JTS, um wieder Disketten- und
Fetsplattenaufwerke zu produzieren. Doch der Preisverfall auf diesem
Sektor ist enorm wodurch auch JTS wieder nahe an den Rand des Konkurses
kommt. Mit einer 3" Festplatte für Notebooks hat JTS jedoch
ein zukunftsträchtiges Produkt in ihrer Palette, und so fand
sich 1996 mit Tandons langjährigem Freund Jack Tramiel und
dessen Firma Atari ein Geldgeber. Um es klarzustellen: Atari ging
nach dieser Fusion in JTS auf, nicht umgekehrt. Jedenfalls war die
Konkurrenz (Seagate, Conner, Western Digital und IBM) zu stark,
JTS ist heute eine bedeutungslose Firma. Jugi Tandon ist 2002 CEO
der Firma Celetron, einem international operierenden Elektronikhersteller
mit Sitz in Indien.
|